Armer Gemeindesaal
Was der alles gesehen hat! Für was der alles herhalten musste!
Hier zum Beispiel im März 1944, als der Krieg de facto schon verloren und das Deutsche Reich dem Zusammenbruch nahe war: die sogenannte „Verpflichtung der Jugend“ auf den Führer. Die vierzehnjährigen Jungen und Mädel, wie die Buben und Mädchen im Nazi-Jargon hießen, sollten feierlich in die Hitler-Jugend bzw. in den Bund deutscher Mädchen aufgenommen werden. Betroffen waren die Ausschulenden, 1944 also die Jüngsten vom Jahrgang 1929 und der vGroßteil der 1930 Geborenen. Gar so feierlich dürfte es da auch in Sölden nicht mehr zugegangen sein, man wird für das ganze Reich von oben angeordnete Veranstaltung mehr oder weniger pflichtgemäß abgeführt haben.
Ein kleines 40seitige Heftchen, „herausgegeben vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP“, wurde dabei an die Eltern der nun in die Jugendorganisationen der Partei Aufgenommenen verteilt. Es enthält neben der üblichen Nazi-Ideologie auch noch sehr genaue Vorschläge, wie der gesamte Tag in der Familie selbst, vom Aufstehen angefangen bis zum Niederliegen, begangen werden soll:
„Dem gemeinsamen Frühstück kann ein Morgenspruch vorausgehen, umrahmt durch ein Lied. Der Platz des Kindes ist am Kaffeetisch mit Grün oder einem Blumenstraß geschmückt. (..) Vater und Mutter und die älteren Geschwister begleiten den zu Verpflichtenden zur Feierstätte und nehmen an der Verpflichtung teil. (…) Wenn die Verpflichtungsfeierstunde beendet ist, sollte für die Heimkehrenden irgendwie die Haustür festlich geschmückt sein. (…) Beim Mittagsmahl, das mit einem Tischspruch eingeleitet wird, mag auf dem Platze des Feiernden eine Kerze brennen, wie es sonst beim Geburtstag üblich ist. (…) Am Nachmittag sollte eine kleine Feier dem Sippengedenken gewidmet sein. Der Vater kann dem Jungen oder Mädchen die ausgeschriebene Ahnentafel übergeben. (…) Der Abend kann im Familienkreis fröhlich begangen werden. Ein besinnliches Lied beschließt ihn.“
Man frägt sich:
Kann man noch weiter von der Lebensrealität in einem hinteren Tiroler Bergtal entfernt sein?

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