Wer hat in Sölden den Nazi-Maibaum umgeschnitten?
Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wollten die Nazis den bei uns ortsfremden Brauch des Maibaum-Aufstellens auch hier bis in die hintersten Täler durchsetzen. Und zwar einen Maibaum verziert – oder richtiger gesagt verunziert – mit Hakenkreuzen und Hakenkreuzfähnchen auf allerhand Bändern und Girlanden.
Und so hat 1940 erstmals auch in Sölden ein einheimischer SA-Trupp am Vorabend des 1. Mai so einen Maibaum aufgestellt und zwar in der sogenannten Englat, südlich des damaligen Schlauchturms der Feuerwehr, ungefährt dort, wo sich heute das untere Spargeschäft befindet. Nach vollbrachter Tat begaben sich die besagten Männer ins Hotel Sonne, um das Gelingen ordentlich zu feiern.
Während sie noch dort saßen, in der Zeit um halb elf Uhr abends, hat ein anderer einheimischer Trupp, einer, der den Dorfnazis eins auswischen wollte, deren Maibaum umgesägt – noch bevor der Mai überhaupt erst begonnen hatte. Hauptverdächtiger und wohl Anführer der Widerstandsgruppe war Petrusn Viz (Vinzenz Wilhelm). Als die SA-Leute in der Sonne vom Sabotage-Akt erfahren hatten, sind sie mit dem Postenkommandanten schnurstracks zum Viz in sein Elternhaus in Windau geeilt und haben dort in sein Bett hineingegriffen, um zu überprüfen, ob es schon warm ist unter der Bettdecke oder ob er gerade erst hineingehupft ist.
Der „Tatort“ südlich des alten Schießstandes mit dem Theater- und Kinosaal obenauf
und der Hauptverdächtige Vinzenz Wilhelm
Obwohl alles gegen ihn sprach, konnte man dem Viz nichts nachweisen. Er sei, so hat er in der Vernehmung angegeben, um ungefähr 21.15 Uhr nach Hause gekommen, habe zu Abend gegessen, mit den Eltern und Geschwistern das Abendgebet verrichtet und sei dann zu Bett gegangen. Seine Familie hat diese Angaben bestätigt. Auch wurde „nichts Verdächtiges an den Kleidern wie Erde oder Sägespäne vorgefunden“, wie es im Gendarmerieprotokoll heißt.
Es gab einige weitere Tatverdächtige, die in den folgenden Tagen am Gendarmerieposten Sölden einvernommen wurden, „und zwar auch vielfach deshalb, weil sie teilweise für die NSDAP nichts übrig bezw. damit nichts zu tun haben“:
Georg Waldhart (Oberhofer Jörgl), dem „die Beteiligung zugetraut wurde, umso mehr, als er auch früher bei Bosheitsakten beteiligt war“, sagte aus, dass er um die kritische Zeit daheim im Bett gelegen sei, „welche Angaben von seiner Frau bestätigt wurden“.
Erwin Sternberger von Kaisers gab an, dass er den ganzen Tag auf dem Erdäpfelacker gearbeitet habe, vom Aufstellen eines Maibaums gar nichts gewusst habe und um ca. 21 Uhr schlafen gegangen sei, was seine Wirtschäfterin bestätigen könne.
Josef Santer (Martlas) vom Prantlan (1944 gefallen in Finnland) gab an, dass er den ganzen Tag Brennholz geschnitten habe. Dann „ging ich mit dem Vater in den Stall, wo ich melken musste und das Vieh versorgen. Von dieser Arbeit wurde ich um ungefähr 20.30 Uhr fertig, worauf ich mit meinen Angehörigen zum Nachtessen ging. (…) Es war mir überhaupt nicht bekannt, was am 30. April 1940 aus Anlass der Feier zum 1. Mai veranstaltet wird. Dass jedoch ein Maibaum in der Nähe des Spritzenmagazins aufgestellt wurde, konnte ich während des Holzschneidens bzw. beim Gehen in den Stall sehen. Ich kam abends auch nicht mehr von daheim fort und es ist bei uns daheim so Brauch, dass man früh schlafen geht.“
Albert Karlinger (Hartesn) erkärt bei der Einvernahme, dass er den ganzen 30. April Mist gerecht habe. Er hat „dabei zwar von der Mahpuit aus gesehen, dass ein Maibaum aufgestellt wird, aber mit niemanden darüber geredet. Nachdem die Arbeit um ungefähr 21.45 Uhr fertig war, ging ich zum Nachtessen, hernach betete ich mit der Mutter einen Rosenkranz und begab mich dann ins Bett.“
Josef Santer (Lukasn Seppele) sagte aus, dass er an diesem Tage in der Früh fünfzehn Schafe ins Rettenbachtal bringen und am Nachmittag zu Plödern Mist rechen musste. „Um ungefähr 20 Uhr ging ich wieder heim und kam ich gerade zum Nachtessen zurecht. Ich erfuhr auch nie etwas, dass am heutigen Tage der Maibaum in der Nacht umgeschnitten werden sollte, wohl aber wusste und sah ich auch während des Mistrechens, dass ein solcher aufgestellt wurde. Nach dem Nachtessen blieb ich daheim. (…) Dass ich an diesem Abend bestimmt nicht aus dem Hause gekommen bin, kann nicht nur mein Vater und meine Mutter bezeugen.“
So oder so ähnlich wie auf diesem Bild aus Innsbruck mag der Maibaum in Sölden
für ein paar Stunden wohl ausgesehen haben.
Laut Niederschrift wollen auch alle genannten Verdächtigen erst am nächsten Tag und ganz zufällig von der Nachbarin (Sternberger), von einer Magd (Santer, Prantle), von der Mutter nach deren Kirchgang (Karlinger) oder einem Vetter (Santer, Plödern) vom Umschneiden des Maibaumes erfahren haben.
Ins Visier genommen wurde schließlich auch noch eine kleine Gruppe rund um den Schuhmacher Stefan Santer, die sich verdächtigerweise noch zu später Stunde in der Stube seines an den umgesägten Maibaum angrenzenden Hauses aufgehalten hatte.
Beim Lesen der Gendarmerie-Protokolle, die an die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in Innsbruck gingen, hat man mitunter den Eindruck, dass der Sölder Postenkommandant Fintl den Beschuldigten bei der Abfassung ihrer Aussagen geholfen und ihnen teilweise Sätze in den Mund gelegt hat, die sie vom Verdacht der Mittäterschaft tunlichst freisprechen sollten.
Andernfalls hätte das Umschneiden des Nazi-Maibaumes für die mutmaßlichen Täter nicht auszudenkende Folgen haben können.

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare