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Augenzeugenbericht vom Rettenbach-Hochwasser 1921

Christian Falkner (1897-1972), der später so genannte Garbar-Pfarrer, hielt sich ferienhalber mit drei Studienkollegen in seinem Elternhaus am Rettenbach auf, als das Unglück hereinbrach. Seine munitiöse Schilderung der Ereignisse ist das fesselnde Protokoll eines Augenzeugen, der sich selbst todesmutig in den Kampf gegen die Mure gestürzt hat.

„Es war am 31. Juli 1921, an einem Sonntag, der untertags recht sommerlich heiß und nachmittags sehr schwül war. Meine drei Freunde hatten die Gewohnheit, die Sonntagnachmittage mit einem kleinen Ausflug zu verbringen; an diesem Sonntag jedoch war es uns zuerst zu schwül. Wir tranken deswegen in unserer Küche um etwa 4½ Uhr nachmittags Kaffee. Ich weiß noch ganz gut, wie wir lang hin- und herstritten, ob wir ausgehen sollten oder nicht. Da sich mittlerweile der Himmel verdüstert hatte und ein Gewitter zu erwarten war, beschlossen wir, da zu bleiben und uns mit einem Glas Bier zu entschädigen. Es war etwas ½ 6 Uhr: Wir hatten zwei von unsern Hausmädeln ins Nachbarhaus (Gasthaus Riml) um die vier Biere geschickt. Es war außergewöhnlich finster geworden, sodass ich beschloss, unsere elektrische Lichtanlage in Gang zu bringen. Wie ich beim Fenster hinausschaue, fällt mir auf, dass der an unserm Hause vorbeirauschende Rettenbach sehr angeschwollen war und eine dunkelbraune Farbe hatte. Schon sahen wir, wie die schäumenden Fluten teilweise über die Ufer spritzten. Ich lief schnell mit Freund Fiegl hinauf zur Waschküche, etwa 6 – 7 m vom Hause weg, brachte dort beim Brunnenntroge herumliegende Eimer, Bürsten und andere Gegenstände in Sicherheit, doch das Wasser trat bereits offen über die Ufer. Ich lief mit Fiegl schnell ins Haus zurück, da große Aufregung. Die Mädeln waren mit den vier Bieren gekommen, hatten sie auf den Tisch gestellt, aber keiner von uns rührte mehr ein Bier an, denn es war jetzt offensichtlich, dass wir Hochwasser bekamen. Herr Coop. Sonderegger wie die andern Besucher stürmten zur Tür hinaus und waren fort; die beiden Mädeln schlugen die Hände überm Kopf zusammen: „Was sollen wir tun!“ O mein Gott und ähnliche Verzweiflungsausrufe machten die Verwirrung noch größer. Inzwischen war nämlich das Wasser schon vor dem Haus und kam bei der Haustür herein. Ich hatte einen guten Gedanken und schickte die beiden fort und gab ihnen den Auftrag, in den Stall zum Vieh zu gehen. Der Stall war etwa zehn Minuten weit weg auf der andern Talseite, wo absolut keine Gefahr mehr war. Nun war mein erster Gedanke: Rette was du kannst, denn sonst nimmts das Wasser weg. Ich stürze in mein Zimmer hinauf in den ersten Stock, ziehe die Bergstiefel und Windjacke an, setze den schäbigsten Hut auf, der gerade erreichbar war, nimm das Bergführerseil und den Eispickel. Zu allem Unglück war mein Bruder, der Besitzer des Anwesens, nicht zu Hause – er war zu seiner Braut auf die Hainbach-Alm hinaufgegangen und hatte die Schlüssel zu den Kästen mit. Ich brach kurz entschlossen den Kasten, in dem ich wusste, dass die Wertsachen drinnen sind, auf, nahm das Geld, Uhren, Ringe und einige wichtige Dokumente an mich und eilte wieder fort. Was ich da beschreibe, war alles das Werk weniger Minuten. Wie ich über die Stiege heruntereile, sehe ich, dass durch die Haustür ein förmlicher Bach hereinstürzt.

Blick von der Widum-Seite auf das Haus der Johanna Karlinger und den Gasthof Post samt Schusterwerkstätte

Nun fällt mir ein, dass ebenerdig in einem Zimmer unser Hüterbub im Wundfieber liegt. Der arme Knabe – etwa 10–12 Jahr alt – war am Donnerstag im Walde abgestürzt und erst am Samstag von mir aufgefunden worden. Ich musste ihn zu Tale tragen und sofort zum Arzt eilen, denn er hatte bei seinem Absturz in eine wilde Schlucht im Kopf ein Loch davongetragen. Nun der lag im Bett. Unter seinem Bett war bereits das Bachwasser. Ich reiß ihn heraus, bekleide ihn notdürftig, wickle ihn in einen Mantel und stürze mit ihm hinaus. Ich wollte zum Nachbarwirt Riml, doch, o weh, ich war bereits von wildschäumenden Fluten eingeschlossen. Mannhohe Steine, Holzstücke, Baumstrünke, Körbe, allerhand Hausgerät führte das braune Wasser mit sich. Auf dem andern Ufer der Mure standen händeringend die Nachbarn und wussten sich keinen Rat und ich wüsste auch keinen, mit dem Buben auf dem Arme. Da kamen gerade zwei Touristen – Münchener sollen es gewesen sein – vom Berg herunter, die erfassten sofort die Situation, warfen eine lange Leiter über den Bach und ein Seil. Nun schritt ich mit dem Buben über die sehr schwankende Leiter, unter mir das grausige Element, das gierig heraufzischte. Kaum hatte ich den Buben und mich gerettet, höre ich von dort, woher ich mich eben gerettet hatte, gellende Hilferufe. Zwei Kellnerinnen von dem oberhalb unseres Hauses gelegenen Gasthofe „Alpenverein“ hatten keinen andern Ausweg mehr gefunden als zu unserem Hause und waren nun ebenso eingeschlossen wie ich früher.

Woher mir der Gedanke kam, die zu retten, da doch soviele andere Leute dagewesen wären, weiss ich nicht. Ich überlegte nichts, flog mehr als ich ging über die Leiter zurück, nahm unter jeden Arm ein Mädchen und trug sie über die Leiter zurück aufs Land. Es ist wirklich wahr, was ich da schreibe und mir ist es heute noch ein Rätsel, woher ich die Kräfte nahm, zwei erwachsene Menschen zugleich über die schwankende Leiter zu tragen. Die beiden waren über die plötzliche Rettung scheinbar so erschrocken und fassungslos, dass sie mir nicht einmal dankten oder habe ich es in der Aufregung überhört. Sie wurden sofort von den andern Leuten weiter in Sicherheit gebracht. Das Wasser hatte mittlerweile schon arg gehaust. Der Pfarrer wurde aus höchster Gefahr von einem Gendarm gerettet. Nun schien das Wasser abzuflauen. Es war aber nur Täuschung; es hatte sich irgendwo das Rinnsal verlegt und brach in etwa einer halben Stunde mit viel größerer Macht wieder auf die Häuser los.

Ich benützte die Pause, um wieder ins Haus zurück zu kehren, was jetzt ziemlich gefahrlos war. Ja ich nahm aus dem Hause nichts mit, da ich glaubte, es sei mit dem Hochwasser vorbei. Nun ging ich in den oberhalb des Hauses liegenden Stall; wir hatten dort Hühner und ein Schwein. Zum Glück öffnete ich die Tür des Schweinestalles und liess sie offen stehen, sonst wäre unser Specklieferant ertrunken. So aber konnte sich das Schwein später, als wir bereits alles für verloren hielten, selbst retten.

Das Meldungsbuch von Christian Falkner, der nach dem Kriegseinsatz als Kaiserjäger fertigstudieren konnte und im Jahr nach der abenteuerlichen Rettungsaktion zum Priester geweiht wurde und als Kooperator in Nassereith, Landeck und Lienz und als Pfarrer in Holzgau und Thaur tätig war.

Im Gasthof „Alpenverein“ hat das Wasser wohl am ärgsten gewütet. Das Haus ist an eine steile Berglehne hingebaut, so dass das Hochparterre des obern Teils dem vierten Stockwerke des untern Baues – vom Keller an gerechnet – entspricht. Nun ist die Katastrophe leicht erklärlich. Das Wasser, vielmehr die Mure, dringt im obern Teil ein und hat den untern Hausteil unter sich. Die Hausleute und die Fremden, die ja in der Hochsaison sehr zahlreich waren, wurden von oben her vom Wasser überrascht. Unter Führung eines Ortskundigen eilte alles durchs Haus hinauf; von oben führt dann ein Dachweg über einen ans Haus angebauten Stadel ins Feld. Eine Kellnerin – Anna Egger aus Neustift im Stubai – war etwas zurückgeblieben und fand in der Aufregung nicht mehr den Weg; da gerade wieder ein großer Wasserschwall kam, rettete sie sich ins Zimmer der Frau Wirtin. Da ist das arme Mädel auf den Ofen gegangen, die Füsse vom Wasser umspült und keinen Augenblick sicher, unter den Trümmern des zusammenstürzenden Hauses begraben zu werden. Da ist sie gehangen bis 3 Uhr früh. Sie war ja schon für tot erklärt worden und ist nur durch Zufall vom Hausknecht entdeckt worden, der so wagemutig war und für die Wirtin aus ihrem Zimmer Wertgegenstände holen wollte. Im Nachbarhause – Grießer Mühle – war eine 80jährige Frau mit ihrer Tochter; die meinten es sei der jüngste Tag gekommen und unternahmen nichts zu ihrer Rettung. Sie bereiteten sich gemeinsam auf den Tod vor. Zwei meiner Freunde waren inzwischen – es war etwa 8 Uhr abends – wieder gekommen – und wir holten nun die beiden verzweifelnden Frauenzimmer aus ihrer misslichen Lage. Ich danke heute noch dem Herrgott, dass ich das Bergführerseil bei mir hatte.

Kaum hatten wir das Rettungswerk vollendet, als die Wassermassen wieder derart an Stärke zunahmen, dass alles fliehen musste. Unser Haus war von den Wogen umbrandet; auf drei Seiten frassen die Wasser an den Grundmauern. Der Garten vor dem Hause, der Weg hinter demselben waren schon fortgeschwemmt. Nun kam endlich mein Bruder Jakob mit seiner Braut. Wir fürchteten für das Haus das Schlimmste und begannen zu beraten, wie wir das Wichtigste noch herausbringen könnten. Wir stellten dann Relaisposten auf, von denen jeder auf irgend einem noch nicht weggerissenen Grund- oder Felsstück stand. So retteten wir die notwendigsten Kleider, Mehl, Speck, einige wichtige Bücher, Jagdgewehre u.dgl. Wir waren gerade mitten im Ausplündern, als der Angstruf erscholl: „Schnell heraus, die Mure kommt wieder!“ Was hernach geschah, spottet jeder Beschreibung. Die Mure war mit erneuter Gewalt losgebrochen, und richtete nun ein Zerstörungswerk an, dessen Schaden unermesslich war. Die Wege, Grundstücke, Gärten, Holzlegen, kleinen Stallungen, wurden weggerissen, von den Ställen ein Teil der Grundmauern.

Ganz rechts das Leahnar Haus von Eduard Grießer, links der Garbar-Stall, unten das Elternhaus von Christian Falkner

Der Gasthof „Alpenverein“ hatte eine angebaute Veranda, die auf hohen Mauerstücken stand; diese wurden vom Wasser im Grunde angefressen und in kurzer Zeit fiel der Verandaboden samt Tischen, Service, Stühlen ins Wasser. Es war gerade für 100 Personen mit Silberbesteck zum Abendessen gedeckt. Vom ganzen Silberbesteck kam nichts mehr zum Vorschein als drei Gabeln und einige Löffel und Messer, die im Schutt unseres Stallgebäudes gefunden wurden.

Eines grauenhaften Bildes kann ich mich noch erinnern. Wir kamen vom Weiler Heimbach, wohin wir unsern geretteten Hausrat zu den Eltern der Braut meines Bruders gefahren hatten, etwa um 11 Uhr abends wieder zurück; die Nacht war stockfinster, kein Licht, nur das unheimliche Rauschen und Krachen der Mure. Da flammen plötzlich im „Alpenverein“ alle Lichter auf, durch die Türen und Fenster stürzt die schwarze Mure und zwischen den Häusern türmen sich die grässlichen Fluten. Das Wasser hatte nämlich die Sperre zum kleinen Elektrizitätswerk, das in Grießers Mühle eingebaut war, durchgefressen und nun kam die Maschine in Gang. Allerdings schon nach fünf Minuten erloschen die Lichter, denn die Maschine hatte sich zu Tode gerast. Von unserm Hause sehen wir nur noch das Dach, vorne bei Türen und Fenstern stürzt das Wasser herein. Wie lang wird das Haus standhalten?

Mein Bruder und ich haben in jener Schreckensnacht überlegt, wohin wir unser neues Haus bauen sollen. Jedenfalls wollten wir dem Befehle der Kaiserin Maria Theresia gehorchen, die vor etwa 150 Jahren eben wegen der Murgefahr verboten haben soll, auf den „Rettenbach“ Häuser hinzubauen.

Wir mussten nun hilflos zusehen, wie die rasende Flut das Haus, das schon seit dem 15. Jahrhundert steht, hinwegraffte, wie es schien. Doch schon erwartete uns wieder Arbeit. In dem unter unserm Haus stehenden Postgasthof Riml hatte man sich sicher gefühlt, jedoch die Rechnung ohne die Tücke des Elements gemacht. Es war etwa 11 Uhr abends, als in diesen Gasthof auch das Wasser eindrang. Die Kellerräume, Erdgeschoß mit den Restaurationsräumen, Küche und Wirtschaftsgebäude waren bereits voll Wasser. Dabei war das Haus voll von Sommergästen, die nun hilfesuchend und hilferufend verzweifelt an den Fenstern standen. Wie sie sich alle retteten, weiß ich nicht, ich kann nur erzählen, was ich selbst miterlebt und mitgetan habe. Ein Herr mit seiner Frau stand mit einem Kerzenlicht am Fenster und schrie um Hilfe. Das Fenster war zum Glück nur etwa zwei Meter über dem Boden. Die beiden waren im Nachthemd, in der einen Hand hielt der Herr eine Kerze, in der andern einen Reisekoffer. Ein gespenstisches Bild. Mit Hilfe unseres Seiles holten wir die beiden aus ihrer Lage.

Am Morgen bei Tagesanbruch konnten wir endlich das Gräuel der Verwüstung näher besichtigen. Das Wasser rann zwar ganz klar dahin, aber verschiedene Gebäude waren unterspült, teilweise sogar Mauern herausgerissen. Nun mussten wir schnell und umsichtig handeln, um noch zu retten, was zu retten war. Mein Vaterhaus war an drei Hausecken untergraben und wir fürchteten jeden Augenblick den Einsturz. Jedoch sahen wir zu unserm Erstaunen, dass das Wasser zwar die Grundmauern zerstört hatte, jedoch hatten unsere weisen Vorfahren in dieselben Holztraversen eingebaut, an denen das Wasser wirkungslos ablief. Es war zum Glück in der ganzen vom Unglück betroffenen Ortschaft kein Wohnhaus eingestürzt, wenn sie auch alle beschädigt und dem Einsturz nahe waren, wenn es nicht gelang, das Wasser in sein Bett zurückzudämmen. Da galt es nun mit allen Kräften ein Rinnsal zu graben. Es waren bereits ziemlich viel hilfsbereite Männer erschienen, aber ohne jede Führung. Jeder wollte helfen, aber niemand sagte, wo zu helfen ist.
Mein Bruder übernahm die Führung, und ich ging daran, von auswärts Hilfe herbeizurufen. Auf dem Postamt läutete ich dann alle erreichbaren Stationen an: die Nachbargemeinde Längenfeld, Umhausen, die Bezirkshauptmannschaft Imst und die Landesregierung. Bereits in wenigen Stunden trafen Rettungsmannschaften aus Längenfeld ein. Nachmittags kamen von Landeck etwa 50 Mann Bahnbauarbeiter.

Aufräumarbeiten

Aber die Hauptsache mussten unsere wenigen einheimischen Männer selber machen: das neue Bachbett graben. Mit Pickel und Grampen, angehängt an einem Seil standen wir mitten im Wasser, oft bis an den Hals herauf, nicht ahnend der nachstürzenden großen Steine; die Leute arbeiteten mit fast übermenschlichen Kräften. Zerfetzte, zerlumpte, schmutzige, durchnässte Gestalten, mit dem Ausdruck der Verzweiflung im Gesicht, wälzten sie Stein um Stein aus dem Bache und so gelang es bis zum Eintreffen der ersten Helfer von auswärts, das Wasser zum Großteil von den Häusern abzuleiten.

Die Verwüstungen in den Häusern waren grässlich. Im „Gasthof zur Post“ war in den Erdgeschoßräumen ½ m Wasser, ebenso im Gemeindehaus, die Keller waren sämtlich voll Schutt und Steinen. Der Gasthof „Alpenverein“, der am meisten litt, hatte den alten, unteren Bau fast zur Gänze ruiniert, im obern Neubau war das Hochparterre unter Wasser, ähnlich sah es in meinem Vaterhaus und seinen Nachbarhäusern aus. Unsere Küche war bis fast zum Ueberboden mit Schutt und Steinen gefüllt, im Wohnzimmer hatte das Wasser nur etwa einen Meter hoch gereicht, auf dem Tisch standen die vier Bier, die wir bei Beginn der Katastrophe holen ließen – sie standen da wie ein Hohn, unberührt, verschmäht, nur tote Fliegen schwammen obenauf. Gross war der Schaden im Pfarrwidum. So wie auf der linken Bachseite, hatte der Wildbach auch auf der rechten, wo der Pfarrwidum steht, gewütet. Die ganze Kücheneinrichtung, die Möbel, darunter ein Harmonium, eine schöne Kredenz, schwammen vernichtet im Wasser.

Das war das Unglück vom 31. Juli 1921.
Und merkwürdig, wie im Oetztal jedes grosse Unglück, so war auch dieses von unseren Vorfahren vorausgesehen und vorausgesagt worden. Ich selbst bin Zeuge. Es war in meinem Vaterhaus eine vom Vater auf Sohn vererbte Tradition, dass meine Urgroßtante, die um 1850 gestorben ist, gesagt hatte: „Es wird ein großes Wasser kommen, der Bach rinnt bei den Stubenfenstern herein; beim Riml (in Nachbars Gasthof) wird man die Erde (gemeint ist der Schutt) über sieben Staffel herauftragen.“
Sie hatte das alles in einem Gesichte gesehen und es ist auch eingetroffen. Ich kann bezeugen und beschwören, dass ich diese Prophezeihung nicht erst nach der Murkatastrophe, sondern schon in meiner Kindheit und hernach nach noch öfter gehört habe. Die Prophezeiung ist demnach nicht Erfindung, sondern tatsächlich gemacht worden.
Dass wir am 31. Juli kein Menschenleben zu beklagen hatten, ist allen Beteiligten ein Rätsel geblieben bis auf den heutigen Tag. Es ist wohl Kleinvieh wie Hühner usw. zu Grunde gegangen, es sind einige kleine Schupfen und Hütten weggerissen worden, es ist der gesamte Grund und Boden um die Gebäude herum ein Raub der Wasser geworden, es hat zwei Brücken fortgerissen, hat sämtliche Keller samt Vorräten vernichtet, hat unendlich viel Möbel, Geschirr, und allerhand Gebrauchsgegenstände vernichtet, hat z. B. in meinem Vaterhaus, wo mein Bruder eine Wäscherei betrieb und heute noch betreibt, fast die ganze Wäsche der Sommergäste eingesandet und teilweise fortgeschwemmt, aber diese Schäden waren schließlich noch zu ertragen, weil ja kein Menschenleben zu Grunde gegangen war. Man begann hernach ein fröhliches Neubauen und heute steht der Ort viel schöner da als vor dem Unglück. Freilich die Erinnerung an jene Schreckensnacht lässt manchen seines Besitzes nicht froh werden, denn die Alten haben gesagt: „Was einmal gewesen, wird wieder kommen“. Und die Alten haben gesagt: ‚Was einmal gewesen, wird wieder kommen‘. Und die Alten haben noch immer Recht behalten.“

Die Innsbrucker Nachrichten vom 4. August 1921 fassen das dramatische Ereignis, bei dem 21 Objekte beschädigt worden sein sollen, unter dem Titel „Die Überschwemmungskatastrophe im Ötztal“ zusammen.  Auszüge:

„Die Ursache der Hochwasserkatastrophe muß in den außergewöhnlichen Witterungsverhältnissen gesucht werden. Die große Hitze hat häufige Gewitter zur Folge, die sich mit elementarer Wucht wolkenbruchartig über den Gebirgen entladen und auf diese Weise die sonst überall gut regulierten Wildbäche zum Austreten bringen. Die Hitze verursacht auch ein Schmelzen und Ausapern der Gletscher; die frei werdenden Wasser füllen gleichfalls die Wildbäche. (…)
„Während es im Tale nicht sehr stark regnete, tobte, wie uns von Touristen berichtet wird, das Gewitter im Gebiete der Wildspitze und des Rettenbachferners (dort entspringt der Rettenbach) mit ungestümer Heftigkeit. Der Regen, vermischt mit Hagel, fiel so dicht, dass im Nu alle Rinnsale im Gebirge von tobenden Wassermassen erfüllt waren, die mit großer Geschwindigkeit zu Tal schossen. (…)
„Die [erst wenige Wochen vorher neu errichtete] starke Brücke beim Grünerwirt (Alpenverein) in Sölden leistete der Flut zuerst Widerstand, hier mußte sich der Wildbach in zwei Arme teilen. Der eine flutete zur Gärberei Falkner, der andere zum alten Schulhaus und Widum. (…)
Im Rimlschen Gasthause war das Unheil noch stärker, weil an der Rückseite des Hauses eine Mure vom steilen Hange abgebrochen ist und alle erreichbaren Räume mit Erdmengen verschüttet hat. In diesem Hause liegen die Schuttmassen sogar im ersten Stock.“

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