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Schmuggler-Gschichtn - Teil 2

In der sehr lesenswerten Pfarrchronik von St. Leonhard im Passeier notiert Dekan Karl Gögele (1879-1939) die ihm zu Ohren gekommenen Fälle vom Schmuggel über die Jöcher ins Ötztal und vom Ötztal hinüber – mit oft dramatischen Folgen.

Als Einführung aber noch eine kurze Beschreibung des Schmuggelwesens aus der Sicht des von 1920 bis 1953 in Gurgl wirkenden Pfarrers Franz Danler.

Nach der beklagenswerten Losreißung von Südtirol wurde Gurgl Grenzort und auch hier wie wohl in fast allen Grenzorten blühte der Schmuggel. Zuerst schmuggelte man nur Lebensmittel, Stoffe und dergleichen für den eigenen Bedarf, bald aber entwickelte sich ein regelrechter Professionsschmuggel. Alles wurde hier und im Tale zusammengekauft, was mit Vorteil drüben verkauft werden konnte. Schmalz war für Nichtbauern in der Gemeinde kaum mehr und nur für großes Geld zu bekommen. Alles Predigen gegen den Schmuggel war vergebens, zumal fremde Geistliche, ohne die Umstände zu berücksichtigen, den Leuten erklärten, dass Schmuggel keine Sünde sei.

Nach mehreren Mißerfolgen und mit dem raschen Wachsen des Fremdenverkehrs, der bessere und ungefährlichere Verdienstmöglichkeiten bot, verschwand der Unfug des Schmuggelns wieder gänzlich. Es kommen nur mehr Südtiroler herüber, um Tabak, Sacharin und dergleichen Dinge, die drüben viel begehrt und gut bezahlt werden, hier oder in Innsbruck zu kaufen.

Abschreckenden Eindruck hatte auf die Gurgler auch nachstehender Fall gemacht. Am 30. August 1921 wurde ein hier stationierter Gendarm (Lechner) in der Nähe der Säge (bei den Mühlen) von einem Schmuggler überfallen, mit Steinen bearbeitet und wie tot liegen gelassen. Der Kopf des Armen war ganz entsetzlich zugerichtet und es war wenig Hoffnung vorhanden, daß der Gendarm noch mit dem Leben davonkommen würde. Doch konnte er von den Spitalärzten in Innsbruck noch gerettet werden. An diesem Beispiel ersahen die Leute, daß ein Schmuggler wirklich leicht zum Mörder werden kann. Auch Freiheits- und Geldstrafen, die einigen Burschen auferlegt wurden, sowie Verlust von Schmuggel-Vieh taten das Ihrige beim Abflauen der Schmuggel-Leidenschaft.

Pfarrchronik Gurgl

März 1920
In diesen Tagen wurden 2 Ötztalerschmuggler, welche von einem Weibsbild verraten worden sein sollen, in Sand verhaftet. Einem gelang es noch, seine Brieftasche der Sandtochter Frieda in die Hand zu spielen. Auf die Vermittlung dieser Frieda, die beim ital. Militär in sehr hohen Gunsten steht, wurden die 2 vorläufig auf freien Fuß gesetzt, nachdem sie die Verantwortung für dieselben auf sich genommen hatte. Am folgenden Tag, 9 Uhr sollen sie sich aber stellen. Doch da waren sie schon längst über den Timbl.

7. März 1920
Die Finanzwache in Pfelders und Rabenstein ist verstärkt worden. Trotzdem aber blüht der Schmuggel. Neulich stießen zwischen Rabenstein und Moos 2 Schmuggler in der Nacht mit 2 Karabinieri zusammen und wurden festgenommen. Doch die 2 Schmuggler warfen die Welschen über den Weg und liefen davon. Die Italiener schossen nach, ohne jemanden zu treffen. Es gelang den „Gelbkröpfen“, 4 Ötztaler abzufassen. Die Waren wurden ihnen abgenommen und die Schmuggler nach Meran geliefert. Dort ließen sie sich an zerschnittenen Leintüchern vom Gefängnis herab und entrannen glücklich.

13. Jänner 1921
Der Briefträger für Hinterpasseier, Martin Tschöll, hat oft Schmugglerware zum Befördern übernommen. Heute trug er 25 kg Pulver mit, da er in Gesellschaft eines Burschen in Ötztalertracht ging, wurde nebst dem Burschen auch er untersucht, da man beim Burschen Zigaretten gefunden hatte. Man fand das Pulver und nun wurden beide mit 4 Mann hoher Bewachung nach Meran befördert. Die Welschen wollten auch das Pulver mit ins Personenauto nehmen! Der Autoführer verwahrte sich aber mit Recht dagegen. Der Postbote für das Hinterpasseier ist über Verwenden des Postmeisters bald wieder frei gelassen worden.

13. Mai 1929
Die Faschisten in Pfelders fanden 2 Kraxen mit Schmuggelware, doch keine Träger. Sie brachten heraus, daß eine Kraxe dem Mundus gehöre. Dieser gab an, daß er sie dem Valentin Pixner geliehen habe. Dieser und sein Bruder Josef wurden nun aufs Kommando geführt, wo man dem Josef Haupt- und Schnurrbarthaare ausriß und mit einem Eisenstabe auf den Kopf schlug, um von ihm das Gewünschte herauszupressen. Dann wurde er entlassen. Von einer Klage wegen der erlittenen Behandlung riet ihm ein Advokat ab, da er wegen Mangels an Zeugen doch nichts ausrichte. Der Valentin Pixner wurde 14 Tage später freigegeben.

September 1929
Ein Hauptschmuggler des Hintertals, der den Schmuggel mit Vorsicht, aber im Großen betrieb, war Sebastian Pfitscher, Locher Wast, in Rabenstein. Als er mit einem Rucksack voll Schmugglerware sich dem Grat näherte, sah er durch sein Glas deutsche Touristinnen auf der Höhe. Er ging weiter. Als er auf der Höhe ankam, sah er bei denselben auch einen ital. Finanzer, der sogleich das Gewehr anschlug und ihn zwang mitzugehen. Dekan Gögele gibt an, dass es Pfitscher gelang, sich in einer Gletscherspalte zu verstecken und durch eine List dem Finanzer zu entkommen. Nun war es für Pfitscher nicht mehr ratsam, sich in Rabenstein aufzuhalten, er wagte es aber doch, um sein Gewehr zu holen. Er sagte, er hätte gerne den Finanzer in die Spalte gerissen und sich dann davon gemacht. Und wenn er gewußt hätte, daß der Finanzer ihm seine ganze Munition nachgeschossen habe, so wäre er zurückgegangen und hätte sich auch den Rucksack geholt.

Anfang November 1930
Der 16-jährige Bursche Johann Gufler hatte von Ötztal herüber etwas Sacharin und Tabak von seinen Verwandten mit bekommen. Unmittelbar vor dem Ziele, im Gänsboden, wurde er von 2 Karabinieri, die dort auf einen Schafdieb paßten, ergriffen. Auf der Kanzlei sollte er sagen, für wen er die Schmuggelware lieferte. Da er tatsächlich von keinem angestellt worden war, sagte er der Wahrheit gemäß, von niemandem. Da man ihm nicht glaubte, zerschlugen ihm die Karabinieri derart die Hände, daß er das Protokoll nicht mehr unterfertigen konnte.

Juli / August 1932
Als Reserve-Offiziere zum Manöver in Rabenstein und Schönau weilten, versahen sie sich alle mit Schmuggelzigaretten. Der Locher Wast trug ganze Rucksäcke voll Zigaretten von Ötztal her. Sie sandten ihn direkt und gaben ihm die Bestellung, wieviel er von jeder Sorte bringen soll, mit. Ein Hauptmann wollte den Sohn des Pächters der Essenerhütte auf seine Verantwortung nach Gurgl um Tabak senden; doch dieser wagte es nicht. Die Finanzer sahen dies gesetzwidrige Treiben, mußten aber gute Miene zum bösen Spiele machen, da sich die Offiziere von ihnen nichts sagen ließen. Im Übrigen haben diese Offiziere flott gelebt und die Leute verdienen lassen.

9. Jänner 1933
Alois Pflug, verheiratet und Vater eines Kindes, wollte mit einem Kollegen von St. Martin nach Deutschösterreich gehen, um Rauchvorräte zu holen. Er war ein geborener Stulser und lebte mit seiner Frau, die eine leidenschaftliche Zigarettenraucherin ist, dortselbst größtenteils vom Schmuggel. Am Gamsberg traten die beiden eine Schneewehe los und stürzten. Während der Kollege sich noch an einem Baume festhalten konnte, stürzte Pflug über Felsen in die Tiefe und war tot.

Jänner 1933
Die Finanzer entfalten jetzt eine fieberhafte Tätigkeit. In Pfelders fingen sie 2 Sacharinschmuggler, die allerdings erst Anfänger in diesem Berufe zu sein scheinen. Sie hatten im Ötztale auch Skier gekauft und trugen dieselben über der Schulter, als sie von den Finanzern überrascht wurden. Rucksäcke und Skier warfen sie sogleich weg und liefen im Feuer der Finanzer davon. Erst nach einer Stunde fiel den Finanzern ein, die Spuren zu verfolgen. Diese führten in eine Alpenhütte, wo die beiden Unglücksvögel übernachten wollten und nun ausgehoben wurden. Wären sie weitergegangen, so hätten sie beim großen Zeitvorsprung sich leicht retten können. Am 18. Jänner lieferten die Karabinieri den Mooserwirt und Bildhauer Lanthaler mit 4 anderen zum Tale hinaus. Wie es heißt, soll sein Stiefsohn von einem ital. Arbeiter etwas Pulver gekauft haben und er soll darum gewußt haben. Die Sache wurde wie eine Vorbereitung zu einem Aufstande aufgefaßt. Der ital. Arbeiter soll das Pulver aus dem Magazin der Straßenbauverwaltung genommen haben. Den Moserwirt hat man bald wieder auf freien Fuß gesetzt.

Juli 1933
Alois Winkler, Bauer zu Gögele, wollte in der Seeberalpe eine Kuh abholen. Die Finanzer durchsuchten ihn und fanden ein Feuerzeug. Die Folge war, daß sie ihn jämmerlich durchprügelten. Ebenso erging es dem Moosmaier Johann, den man mit Schmuggelsachen antraf.

An dieser Stelle die sehr eindrückliche Schilderung des Gurgler Pfarrers Franz Danler über den „Dreifachen Mord auf der Zwickauer Hütte“:

Am Dienstag den 17. Oktober 1933 abends gingen zwei Schmuggler, Johann Gufler von Pfelders und Paul Hofer von Riffian, über das Rotmoosjoch zur Zwickauer Hütte. Vor der Hütte – es war dunkel und etwas schneestürmisch, überlegten sie, ob sie hineingehen sollten, da wurden sie von drei italienischen Finanzern (darunter auch ein Brigadier) überrascht und gefesselt. In der Hütte wurden ihnen die Schmuggelwaren und sämtliches Geld abgenommen. Johann Gufler war über Sommer in Vent bedienstet, ebenso seine Schwester. Er hatte vom Lohn Tabak und Sacharin gekauft und auch den Lohn der Schwester bei sich. Die armen Eltern, die für eine große Familie zu sorgen hatten, warteten bereits hart auf das Geld.

In dem allgemeinen Aufenthaltsraum, der zugleich auch Küche ist, mussten nun die gefesselten Schmuggler an der Wand getrennt sitzen, während ein Finanzer am Tisch wachte und die beiden anderen im anstoßenden Lokal schliefen. Vom Feuer des Sparherdes war das Lokal düster beleuchtet. Da bemerkte der eine Schmuggler, daß der wachhabende Finanzer einnickte. Er versuchte möglichst geräuschlos aus der eisernen Fessel zu kommen und es gelang ihm nach einigem Bemühen. Wahrscheinlich wollte er nur dem Kameraden zu Hilfe kommen, um gemeinsam mit ihm flüchten zu können. Da schreckte der Wächter durch irgendein Geräusch auf, griff sofort nach dem Gewehr und suchte den fesselfreien Schmuggler damit niederzuschlagen. Dieser aber hatte bereits einen (seinen?) Eispickel erfaßt, den er mit der Spitze dem Finanzer in die Stirn schlug. Auf den Lärm hin erwachten auch die beiden Schläfer und stürmten herbei. Der Schmuggler warf sich auf den einen und stürzte mit ihm auf den Toten, während der dritte Finanzer einen Schuß abgab. Durch diesen wurde der Schmuggler schwer verletzt (Lungenschuß), der (noch lebende) darunterliegende Finanzer aber tödlich getroffen. Trotz der schweren Verwundung sprang der Schmuggler auf und würgte den letzten Finanzer an die Wand, der gefesselte Schmuggler half dabei so gut es ging mit und nach längerem Kampfe war auch der dritte Grenzwächter eine Leiche. Die Ermordung der drei Finanzer kann sich auch unwesentlich anders abgespielt haben, meine Darstellung gibt das wieder, was die Täter nach der Mordnacht in Gurgl erzählten.

Der verwundete Schmuggler blieb bei den Leichen, während der andere nach Pfelders ging, um geheim Hilfe zu holen. Rudl, des Verwundeten Bruder, kam mit herauf zur Hütte. Dort warfen sie die Leichen der Erschlagenen auf einen Haufen zusammen und machten daneben ein großes Feuer, das die Hütte niederbrennen sollte. Sie selber gingen nach Gurgl und erzählten einigen, was sie getan. (Das Feuer erlöschte aber bald wieder und die Leichen waren nur wenig angebrannt. Die Schmuggler glaubten aber, als sie nach Gurgl kamen, daß die Hütte inzwischen niedergebrannt wäre.) Beim Scheiber bestellten sie ein Fuhrwerk nach Zwieselstein und von dort zum Bahnhof ein Auto für den Verletzten. Dem Scheiber Josef in Vent und der dort bediensten Schwester des angeschossenen Schmugglers telefonierten sie von hier aus.

Selbstverständlich musste das Verbrechen bald ruchbar werden und es dauerte auch nicht lange, bis die Mörder, der eine in Südtirol und der andere in Innsbruck, verhaftet wurden.

Erst am 29. Mai 1935 wurden sie in Bozen abgeurteilt. Das Urteil lautete auf Tod. Die lange Untersuchungshaft dürfte wohl damit zu erklären sein, daß die Italiener immer noch hofften, weitere am Mord Beteilige ausfindig machen zu können, denn sie konnten es nicht glauben, daß zwei unbewaffnete Südtiroler Burschen imstande wären, gleich drei bewaffnete Italiener umzubringen. Später wurde das Todesurteil in Kerkerstrafe umgewandelt.

Aus der Gurgler Pfarrchronik

Im Folgenden wieder die Sicht von der anderen Seite durch Pfarrer Gögele von St. Leonhard, zunächst auch zu den Morden auf der Zwickauer Hütte.

18. Oktober 1933
Am Donnerstag, den 19. Oktober verbreitete sich in St. Leonhard die Nachricht, daß auf der Zwickauerhütte 3 Finanzer, der Brigadier Dominikus Fandarano und die Soldaten Nasca und Feren, ermordet aufgefunden worden seien. Man wartete Dr. Wallnöfer ab, und da gerade ein Geschäftsauto auf dem Platze stand, zwang man den Führer desselben, mit dem Arzt und mehreren Finanzern nach Pfelders zu fahren. Dort wimmelte es bereits von Finanzern und Faschisten, die ihre erste Wut auf die Bevölkerung ausließen. Bald kamen von Meran auch Richter, Finanzer, Karabinieri, Faschisten und Geheimpolizisten mit Polizeihunden nach. Hausdurchsuchung über Hausdurchsuchung fand statt. Alle erwachsenen Männer, mit Ausnahme von 7, einschließlich des Pfarrers, wurden gebunden und verprügelt. Beim Wirt wurden sie 36 Stunden lang bewacht, zusammengebunden und immer wieder geschlagen. Ein höherer Faschist soll besonders wütend mit dem Stiel eines Eispickels auf die Männer geschlagen haben, daß manche bluteten und ganz kleinlaut wurden. So oft einer seufzte oder einnickte, bekam er den Stock über den Kopf oder den Rücken. Auch die Weiber bekamen ihre Schläge. Sie jammerten und die Kinder weinten und zitterten schon, wenn sie einen Soldaten sahen. Das Militär drohte mit dem Niederbrennen des Dorfes und mit dem Erschießen, so daß besonders die Weiber ganz eingeschüchtert waren und immer wieder zum Pfarrer liefen. Das ganze Vorgehen erinnerte an den bethlehemschen Kindermord. Dem Wirt sagte man, daß er in einer Stunde erschossen werde. Auf das hin sagte er, daß es ihm nicht mehr einfalle, die Gäste zu bedienen. Nun wurden sie mit ihm etwas freundlicher. Die im Wirtshause Gefangenen bekamen nur einmal eine Suppe zu essen. Dann wurden sie nach St. Leonhard geführt, wobei es wieder unzählige Schläge absetzte. Im ganzen Tale wurden alle, die einmal etwas mit Schmuggel zu tun hatten, eingefangen und verprügelt. Zwei Brüder Moosmaier, die bei ihrem Bruder, dem Bauer in der Au gegenüber St. Leonhard, arbeiteten, wurden vom Acker weggeführt, auf der Brücke untersucht und dann unter Schlägen in den Arrest geführt. Die Soldaten und Faschisten benahmen sich wie gestochene Wespen mit sinnloser Grausamkeit und die Bevölkerung geriet in kochende Wut. In der ersten Zeit nach dem Morde schienen die Italiener die Deutschen gar nicht mehr zu kennen. Sie gingen an ihnen vorüber mit finsterer, fast zorniger Miene. Die drei Leichen wurden in die Kirche von Pfelders gebracht und dort 1 hl. Amt für sie gelesen. Bestellt wurde nur 1 hl. Messe, wozu auch nicht geläutet werden sollte.

17. Jänner 1935
In der mondhellen Nacht vom 16. auf den 17. Jänner gingen die 2 Burschen Alois Pichler, Sohn der Trägerin in Moos, und Georg Pöhl, Schullehrersohn auf dem Sattel, mitten durch Rabenstein auf dem gewöhnlichen Wege mit Schmugglware nach Moos. Sie wurden am See von der Finanzerkaserne aus gesehen und von einer Reihe Finanzern verfolgt. Es gelang den Finanzern schon am Ende des Seebeckens, den Georg Pöhl gefangen zu nehmen, während Alois Pichler ihnen entwischte. Inzwischen nahmen 8–10 Finanzer die Verfolgung des Pichler auf. Derselbe lief über Ganderberg und Hahnebaumwald. Die Verfolgung soll von 9 Uhr abends bis 1 Uhr früh gedauert haben. Dort erreichten sie ihn und schossen ihm von rückwärts durch den Kopf, sodaß er sofort tot war.Es hat den Anschein, daß die Finanzer dabei nicht ganz vorschriftsmäßig vorgegangen sind und eine Vergeltung für Zwickau üben wollten. Als man die Leiche des Pichler nach Moos gebracht hatte, hatte sie noch die Handschuhe, und zwar Fäustlinge an, mit welchen man einen Revolver nicht abdrücken kann. Erst nachträglich kam ein Finanzer und zog der Leiche die Handschuhe ab, wie der Pfarrer Michael Ennemoser bezeugte! Er war der einzige Sohn seiner tauben Mutter und kam wegen Verdienstlosigkeit zum Schmuggel.

7. Februar 1935
Der Josefner Engl, Engelbert Etschmann, der schon vor acht Tagen nach Ötztal ging, kam nicht mehr zurück. Auf die Anfrage kam von Ötztal die Antwort, daß er dort war, sich nur kurze Zeit aufhielt und wieder den Heimweg antrat. Da auf den Jöchern Schneegestöber war, dürfte er dort erfroren sein und erst im Sommer ausapern. Er ist Vater von 7 Kindern und Bauer des Holzhofes in Schönau. Am 15. Juni 1935 notiert nun Gögele, dass die Leiche des Engelbert Etschmann jenseits des Timmelsjoches von einem Hirten gefunden worden sei. Er schreibt: „Wahrscheinlich hatte ihn beim Anlegen der Schneereifen der Schlag getroffen. Den einen Reif hatte er bereits angelegt, den anderen hielt er in der Hand. Die Leiche wurde nach Sölden gebracht und dort beerdigt. Die Frau ersuchte um einen Grenzschein, um am Begräbnis teilnehmen zu können, erhielt aber keinen. Dafür aber gingen mehrere Männer ,schwarz‘ über und geleiteten ihn zu Grabe.“

September 1936
Der Wirt vom Sander Bad in Platt mußte sich als Wirt bei den Faschisten einschreiben lassen. Um mit seinen geschmuggelten Zigaretten sicher zu sein, versteckte er dieselben in den Faschisten-Stiefeln. Gelegentlich einer Hausdurchsuchung sah ein Finanzer auch in diese hinein und brachte aus diesem geheiligten Verstecke die österreichischen Zigaretten zum Vorschein.

15. Dezember 1938
Eduard Pixner, Mitterpillersohn, wohnhaft im Auerzuhäusl gegenüber St. Leonhard, begleitete eine Schwester auf deren Drängen nach Ötztal. Auf dem Rückwege nahm er etwas Schmuggelware mit und wurde vom Mauser Martl von Rabenstein begleitet. Als er einen Sprung auf eine Schneewehe machte, brach dieselbe unter ihm und er stürzte mehrere hundert Meter tief ab und blieb tot liegen. Als sein Begleiter das Unglück sah, und auf seine Rufe keine Antwort bekam, wurde er ganz erschüttert und ging gleich nach Platt, um die Anzeige zu machen. Der Platterwirt riet ihm zwar von der Anzeige ab, doch aus Furcht, sich die Sache nur schlechter zu machen, machte er bei den Karabinieri die Anzeige und wurde gleich festgenommen und nach Meran geliefert. Wie die Schwester, die er nach Ötztal begleitet hatte und die über dieses Unglück ganz untröstlich war, sagte, habe der Bruder sie nicht begleiten wollen und nur langem Drängen nachgegeben. Im Ötztal sei er sehr schlecht aufgelegt gewesen. Als sie beichten ging, wollte auch er gehen, wagte es dann wegen des Werktagsgewandes nicht.

***

Die St. Leonharder Pfarrchronik der Jahre 1919 – 1939, der obige Zitate entnommen sind, ist, bearbeitet und herausgegeben von der Südtiroler Historikerin Monika Mader, 2025 unter dem Titel „Faschismus auf dem Land“ in der Edition Raetia erschienen.

Teil 1 der Sölder Schmuggler-Gschichtn ist hier nachzulesen.

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