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Das schlimmste Autounglück von Sölden

Fast einhundert Jahre ist es jetzt her, dass dieser tragische Unfall geschehen ist. Beim Geires geriet das mit acht Männern, davon sechs Einheimischen, besetzte Auto über den Straßenrand hinaus und stürzte dort in die Tiefe. Es gab drei Tote, die beiden Brüder Isidor und Alois Grüner (28 und 25 Jahre alt) von der Plör sowie den Notar von Silz Julius Moro und vier Schwerverletzte. Sie waren auf dem Weg zu einem Begräbnis in Längenfeld.

Es gibt neben schlecht gemachten und dann auch noch schlecht erhaltenen Polizeifotos von der Unfallaufnahme die Zeugenaussagen des nur leicht verletzten Peter Paul Fiegl (Pauls Paul) und des Johann Auer aus der Mühlau, der als erster an die Unfallstelle kam. Deren nachträgliche Schilderungen gegenüber dem Untersuchungsrichter hatten natürlich auch den Zweck, Autobesitzer und Autolenker möglichst zu entlasten.

Die Absturzstelle gegen Norden aufgenommen. Mit dem Brett auf der Straße
wird die rechte Radspur des abgestürzten Autos markiert.

Wie das Unglück sich zutrug
Um ¾7 Uhr passierte das Auto die beiden Straßentunnels außerhalb Sölden. Bevor wir dort hinkamen, zeigte der Zeiger 20 Kilometer Geschwindigkeit. Nach den Tunnels ging es über eisige Stellen und der Chauffeur fuhr noch langsamer. Ich und Fidel Riml sprachen miteinander über Verschiedenes. Bevor wir zur Kurve beim Geiersbach kamen, wurden unsere Worte plötzlich abgebrochen. Fidel Riml, der links von mir saß, fuhr mit der rechten Hand auf meine Schulter, ich sah den jähen Abgrund, ich dachte mir, an das Auto halten werde ich mich nicht und es ging der Tiefe zu. Mein letzter Gedanke war: jetzt sind wir alle kaputt. Ich wurde gar bald herausgeschleudert, blieb an der Böschung hängen, wurde aber höchstwahrscheinlich vom streifenden Auto, da ich Wagenschmiere am Rocke hatte, in die Schlucht geschleudert. Als ich mich vom Schrecken ein wenig erholt hatte und die Situation besah, fand ich alles reglos. Nur Fidel Riml stand bereits. Er glaubte gehen zu können, fand aber, daß er ein Bein gebrochen habe. Er rief mir zu: „Kannst du noch gehen?“ Ich versuchte es und zu meiner großen Freude hatte es kein Hemmnis. Dann gehst du auf die Straße hinauf?“, erwiderte er. Ich schickte mich sofort an, die Straße zu erklettern und Hilfe zu holen. Alle andern rührten sich nicht und schienen wie tot zu sein. Nur Fidel Riml schaffte sich etwa zehn Meter nach oben. Als ich mitten am linken Schluchtrücken war, rief der 73 Jahre alte Gastwirt, Josef Riml voll Erstaunen mir zu: „Ja kommst du noch herauf?“ Er glaubte, daß wohl alle tot seien. Ich war etwa noch fünf Meter unter dem Straßenrand, als zwei Radfahrer oben vorbeifuhren. Ich rief, aber meine Worte verhallten. Der zweite Radfahrer glaubte jedoch etwas gesehen zu haben und stieg ab. Er erblickte mich und bestürzt fragte er: „Ja was tust du heute da?“ — Schaut da hinunter! — Totenbleich — aber doch sofort fuhren sie mit ihren Rädern um Hilfe. Josef Gstrein verständigte die fünf Minuten weiter drinnen wohnenden Bauersleute Johann und Josefine Auer von Mühlau und dann Gottfried und Bernhard Fiegl vom Gehörde. Nikodem Arnold war bereits um 7.08 Uhr in Sölden und benachrichtigte den Gastwirt Isidor Riml, der alsogleich den hochw. Herrn Kooperator Wanner und Herrn Dr. Penz verständigte.

Der Unglücksort von Norden gesehen, die Absturzstelle ist
mit einem Kreuz bezeichnet, die Absturzrichtung mit einem Pfeil

Erste Hilfeleistung.
Während die Obgenannten mit ihren zwei Rädern die Leute verständigten, half Peter Paul Fiegl dem krampfhaft sich am Grasboden haltenden mit einem Fuße über den jähen Felsen hinausragenden, immerhin hübsch stark verletzten Gastwirt Josef Riml etwa drei Meter herauf und brachte ihn über ein kleines Bäumchen, daß er nicht abstürzen konnte. Er sagte darauf: „Geh hilf jetzt den andern, ich habe es jetzt gut!“ Unterdessen kamen schon Johann und Josefine Auer herbeigeeilt, die die Schwerverletzten aus ihrer durchwegs mit dem Kopfe nach unten gekehrten Lage brachten. Der Notar Herr Dr. v. Moro war allerdings schon tot. Der Bauer Isidor Grüner verschied in etwa zehn Minuten. Um 7.15 Uhr kam schon der hochw. Herr Kooperator Wanner auf dem Rad dahergefahren, rutschte über die gefährliche Böschung, spendete Herrn Dr. Julius v. Moro, dem Bauer Isidor Grüner, dem Notariatsschreiber Jakob Weißbriacher, dem Sägewerksbesitzer Alois Grüner und dem Chauffeur Martin Riml die letzte Oelung.

Mittlerweile fuhr auch das Kursauto der Postdirektion vorüber und hielt nur kurze Zeit an. Kooperator Wanner, Johann und Josefine Auer und Gottfried Fiegl, der reichlich Verbandzeug mitbrachte, arbeiteten rasch mit großer Willensenergie, mit Ruhe und Besonnenheit, brachten Trost und Hilfe dem von Schicksal in die schaurige Schlucht Geschleuderten.

Das Ereignis war österreichweit in den Schlagzeilen. Wie so oft nicht ganz nahe an den Tatsachen. Das Auto ist nicht 60 Meter abgestürzt, sondern ist im Geröll nach 16 Metern liegen geblieben. Und der ganze Unfall ist – wie aus den Zeugenaussagen hervorgeht – auch ein bisschen anders passiert, als von den Zeitungen anfangs vermeldet.

Ärztliche Hilfe.
Mit dem Auto vom Gasthof Alpenverein in Sölden, etwa um 7.32 Uhr, kam Sprengelarzt Dr. Penz und mit ihm Isidor und Rochus Riml und Georg Fiegl. Isidor Riml lief sofort seinem Vater zu, ihn auf die Straße zu bringen. Er lehnte es aber ab, beteuerte, er könne es hier ganz gut aushalten, er solle doch den anderen helfen. Der Chauffeur mußte erst aus dem Auto herausgeschafft werden. Um ihn freizubekommen, mußte zunächst die Handbremse, die vollständig angezogen war, von Isidor Riml losgelassen werden. Es wurden Notverbände angelegt und die Schwerverletzten mußten auf Tragbahnen über das Gewirr von lauter scharfkantigen Bruchsteinen auf den alten Fahrweg getragen werden, von wo sie nach Mühlau transportiert wurden. Dort lud man sie auf Autos und um ¾9 Uhr trafen die Verwundeten im Gasthof „Sonne“ ein. Völlig gleichzeitig langte auch Medizinalrat Dr. Knoll mit Revierinspektor Pirchl aus Längenfeld ein. Zirka um 10 Uhr starb Alois Grüner, der starke Brust= und Kopfverletzungen hatte; die anderen wurden gut verbunden, Weißbriacher und der Chauffeur mit den Sterbesakramenten versehen und alle Vorbereitungen für den Transport nach Innsbruck getroffen. Um halb 1 Uhr begann die Abfahrt und es kamen die Autos um halb 5 Uhr bei der Klinik in Innsbruck an.

Oben die Straße, unten das abgestürzte Auto

Einzelheiten über das Unglück.
Der Chauffeur Martin Riml, geboren 15. Jänner 1909, also im 20. Jahre stehend, ist als arbeitstüchtiger, verlässlicher, ruhiger und intelligenter Bursche bekannt. Den Führerschein erwarb er sich im Oktober vorigen Jahres. Er fuhr bei bedeutend schlechterem Wege des öfteren nach Zwieselstein und Umhausen. Uebrigens saß bei dieser Fahrt der Notar Julius von Moro neben ihm, der des Fahrens gut kundig war und selbst ein Auto besaß.
Die Steuerung ging etwas schwerer als bei einem Fiat-Wagen, doch nicht ungewöhnlich schwer. Wehrsteine umzustoßen bei gefrorenem Boden bedarf keiner Riesenkraft, zumal sie nicht den ersten Stoß erhalten hatten. Wäre der Gashebel gezogen worden, so wäre das Auto derart über den Straßenrand hinaus, daß es bei dieser Neigung sofort sich hätte überschlagen müssen. Das Auto lief aber auf den Rädern in Nord-Ost-Richtung nach abwärts. Die Bergschlucht von drei Meter zu überqueren, wäre keine Kunst gewesen, doch das Auto stürzte in die Schlucht in kaum ein Meter Höhe über dem Grunde und kippte um. Richtig ist, daß das vordere rechte Rad geplatzt ist und wie bereits bemerkt, die Handbremse vollständig angezogen war. Wahr ist ferner, daß gerade hier eine ganz gefährliche Stelle ist. Oben der Felsenvorsprung, durch den einigemal Ski abgerissen, Kisten heruntergeschleudert und andere Dinge vernichtet wurden, unten ein Spielraum von kaum 30 Zentimeter, dazu noch ein Defekt, und ein großes Unglück ist völlig unausbleiblich.

Die Schilderungen der Zeugen sind wortwörtlich dem Allgemeinen Tiroler Anzeiger vom 29.3.1928 entnommen.

Straße talauswärts vor der Absturzstelle, die mit einem x angezeigt wird

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